Reiseleiterin Lisa Thole mit einer Gruppe vor dem Matrimandir in Auroville
07.01.2019

Interview mit Lisa Thole aus Auroville


Lisa erklärt begeistert ihrer Gruppe Geschichten über die indische Mythologie...
Reiseleiterin Lisa Thole

Im Interview mit der NEUE WEGE Reiseleiterin Lisa Thole aus Auroville in Indien erfahren Sie mehr über die indische Mythologie, Spiritualität und was Sie auf einer Indien-Reise erwartet.

Außerdem gibt Ihnen Lisa interessante Einblicke über das Leben in der Projektstadt Auroville, das Integrale Yoga nach Sri Aurobindo und was es bedeutet in einer solchen friedvollen Gemeinschaft aufzuwachsen und zu leben.

Viel Freude beim Lesen!

 

Liebe Lisa,
1. Du bist in Indien geboren und aufgewachsen. Seit 2007 begleitest du NEUE WEGE Gruppenreisen durch Südindien, ein Land der Götter, Mythen und Traditionen. Du hast dich viel mit der indischen Mythologie und Philosophie beschäftigt, was fasziniert dich daran besonders?

Zum einen bin ich mit der indischen Mythologie aufgewachsen, sie wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt, die Geschichten begleiteten meine Kindheit. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass es sehr unterhaltsame Geschichten sind, die einem die indische Kultur näherbringen, sie alle drehen sich um einen Bewusstseinskern. Es geht um zeitlose Weisheiten des tagtäglichen Lebens in dieser Welt, um das Tun und das Geschehen, in dem wir alle als Menschen stehen. Wer sich damit beschäftigt, was einen im Leben antreibt, der konfrontiert sich auch mit der Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Die indische Mythen- und Götterwelt bringt dies sehr anschaulich rüber. Natürlich gibt es viele unterschiedliche Darstellungen der mythologischen Themen, so wie es auch viele hinduistische Gottheiten gibt, aber letztendlich kommt immer wieder der gleiche Weisheitskern hervor.

 

2. Was erwartet die Reisenden auf einer Reise durch Indien?

Definitiv ist es ein sehr facettenreiches Land. Einmal sind es die ganzen Eindrücke, die auf eine Person zukommen. In Indien ist alles intensiver, alles was man sieht, hört oder riecht – wie zum Beispiel der chaotische Stadtverkehr, der Besuch eines Marktes, aber auch die Naturgeräusche, die selbst in der Nacht nicht aufhören. In Deutschland ist alles viel isolierter und verhaltener, und in Indien dringt alles auf einmal in einen ein. Ganz viele verschiedene und oft gegensätzliche Eindrücke, ein traditionelles Land im materiellen Auf- und Umbruch, eine andere Kultur, ihre spirituellen Werte oder ihre Suche nach der essentiellen Wahrheit. In Indien erwartet Reisende eine riesige Vielfalt und Eindrücke, die sehr tief greifen. Noch heute bekomme ich Rückmeldungen von Reisenden, die mir erzählen, welch tiefe Spuren ihr Indienbesuch bei ihnen hinterlassen hat und dass viele Themen und Ereignisse hochkamen, die sie in Deutschland noch lange beschäftigt haben.

Es gibt in Indien eine Göttin, die Parvati heißt, sie ist die Mutterkraft der unpersönlichen Fähigkeit der Natur, Leben zu erschaffen, zu zerstören und zu transformieren. In ihren Darstellungen hält sie oft einen ihrer Arme in einem leichten Bogen an der Seite ihres Körpers herunter, so dass die Finger zum Boden weisen. In Indien nennt man diese Armhaltung Govala, was so viel wie „Schwanz einer Kuh“ bedeutet. (Das macht Sinn, wenn man weiß, dass Kühe im Hinduismus heilig sind.) Mit dieser Geste ist genau der Punkt zwischen Anspannung und Entspannung gemeint. Diesen Punkt sollte man auch beim Reisen finden. Wenn man unterwegs ist, kann man dann auf der einen Seite total loslassen und das sollte man auch tun. Man muss die Erfahrungen auf sich zukommen lassen und die Reise entspannt angehen. In Indien kann man nicht immer alles planen, in Indien kommen die Dinge einfach auf einen zu. Die Anspannung auf der anderen Seite meint deshalb auch nicht etwa die Anstrengung oder Nervosität, sie bedeutet, dass man bereit ist, seine Energien positiv dafür einzusetzen, neue Erfahrungen zu machen und das Land zu entdecken.

 

3. Welche Orte dürfen bei einer Südindien-Reise nicht fehlen?

In Indien ist weniger mehr – Indienerfahrung ist nicht so stark an einzelne Orte gebunden, viel wichtiger ist das Thema, das sich durch eine Reise zieht, natürlich gibt es Weltkulturerbe-Stätten, wunderschöne Nationalparks, tolle Gegenden, in denen Kaffee oder Gewürze angebaut werden, Teeplantagen und Städte, in denen das totale Chaos auf den Straßen herrscht – aber es gibt nicht wirklich DEN Ort, wo man DAS Indien erfährt.

Wichtig sind immer auch Orte, an denen man inmitten der ganzen Vielfalt Indiens Ruhe findet. Das heißt nicht, dass keine Menschen da sind oder nicht irgendwas um einen herum passiert. Aber egal wo man ist, sollte man sich selbst einen Moment der Ruhe geben. Ob bei einem Tee am Straßenrand oder bei einem Tempelbesuch, bei dem man das Geschehen und die Menschen um einen herum beobachtet und wahrnimmt. Das sind dann genau diese Momente, in denen man Indien wirklich in sich aufnimmt.

Bei einer Reise kommt es auf ein Gleichgewicht von allem an und natürlich auch auf das, was die Reisenden persönlich fasziniert. Es geht aber auch um die Verbindung zu den Menschen des Landes. Auf den Reisen versuche ich immer, meiner Gruppe auch die Spiritualität näher zu bringen, durch Rituale und Tempelbesuche, und ihr einen Zugang zu den Menschen zu ermöglichen. Durch die Erfahrungen, die ich gemacht habe, indem ich vor Ort lebe, habe ich mich mit den Problemen der Menschen dort auseinandergesetzt, habe ihnen zugehört und weiß, was die Menschen bewegt und inspiriert. Darum ist es nicht eine Ortsbesichtigung, durch die man ein Land erfährt, sondern durch die Menschen, die dort leben.

 

4. Hast du einen Lieblingsort in Indien?

Mein Lieblingsort ist Auroville, der Ort an dem ich lebe, aber es sind auch besondere Kraftorte des Landes. Das kann ein Tempel sein wie der Nataraja-Tempel in Chidambaram, ein Ashram wie der Sri Ramana Ashram in Tiruvannamalai oder auch eine grandiose Mischung aus Kultur und Naturlandschaft wie in Hampi.

 

4. Wie wird in Südindien Spiritualität gelebt?

Der Hinduismus ist ein spiritueller Weg, in dem das Leben als eine Aufgabe gesehen wird, die darin besteht, bei allem was geschieht an das Höchste angebunden zu bleiben und innerlich zu wachsen. In welcher Tiefe das gelebt wird, beruht auf einer freien Entscheidung.

Spiritualität und Leben werden in Indien nicht getrennt. Durch das Leben häuft sich z.B. Karma an, aber das Ziel ist es Moksha zu erreichen, aus dem Rad der Wiedergeburt auszusteigen. Und dafür gibt es dort nicht den einen Weg, es gibt tausende. Zum Beispiel gibt es Rituale, die dazu da sind, das im Leben angesammelte Karma abzulegen, das kann durch eine Reinigung in Varanasi im Ganges geschehen, aber auch, indem man den heiligen Berg Arunachala in Tamil Nadu umwandert, auf eine Pilgerreise geht oder bei einem heiligen Meister lebt.

In Südindien hat zudem fast jede Familie einen Guru, der ihr spiritueller „Guide“ ist, und auch eine Familiengottheit. Diese werden bei allen wichtigen Lebensentscheidungen um Hilfe gebeten. Neben den großen hinduistischen Gottheiten gibt es auch viele Lokalgottheiten, die innig verehrt werden, Schutzgottheiten wie z.B. Mariamman, die Dorfmutter. Diese werden schon weitaus länger angebetet als Shiva oder Vishnu, von denen man im Westen meist schon gehört hat, und spielen für die spirituelle Ausrichtung ebenfalls eine große Rolle.

 

5. Du hast Psychologie und Soziologie in Bengaluru studiert und lebst in Auroville, einer Projektstadt, in welcher Menschen jeglicher Art friedlich in einer Gemeinschaft zusammenleben. Wie war es für dich in Auroville aufzuwachsen und wie empfindest du das Leben dort?

Das kann man sehr schwer beschreiben. Ich glaube, es muss vorbestimmt gewesen sein, dass ich in Auroville auf die Welt kam. Das musste so sein.

Für mich war es eine unheimlich befreiende Kindheit, man konnte sich selber entwickeln, sich erfahren. In der Schule gab es keine Noten, kein Schema, in das man hineinpassen musste. Als Jugendliche habe ich Auroville dann für einige Jahre verlassen, lebte im Internat, und später ging ich an die Universität in Bengaluru. Die schwierigste Sache für mich war, dass ich nun nach Noten beurteilt wurde, nach dem „wer bin ich?“ oder „was kann ich?“. Da musste ich mich ganz schön anpassen und einen Ehrgeiz entwickeln, für mein Studium und meine Benotungen zu lernen. Mit dieser Art der Bewertung eines Menschen kann ich noch heute nicht sonderlich viel anfangen.

Was mich nach Auroville zurückgebracht hat, ist die große Frage: Wohin bewegt sich die Welt und wie entwickelt sich die Zukunft? Auroville ist extrem zukunftsorientiert und will daran mitarbeiten, ein neues Bewusstsein in der Welt hervorzubringen. Auch in Auroville haben wir unseren Tagesablauf und haben Sachen, die herausfordernd sind, wir müssen uns organisieren und Aufgaben erledigen. Aber es ist in der Gemeinschaft eine Bereitschaft da zum Erforschen der tieferen Aspekte des Lebens. Wenn ich mich frage, was möchte ich und wie sehr möchte ich es, kommt für mich nichts anderes als Auroville in Frage.

 

6. Welche Rolle nimmt der Integrale Yoga nach Sri Aurobindo dabei ein und wie wird die Spiritualität in das alltägliche Leben in Auroville integriert?

Wenn man nichts weiß vom Integralem Yoga, dann muss man verstehen, dass es um die Integration der Seele, des Ursprungswesens, mit der äußeren Natur geht, die aus Körper, Vital und Mental besteht. Sri Aurobindos Yoga basiert auf der alten indischen Weisheit, dass wir kein Mensch sind, der eine spirituelle Erfahrung macht, sondern ein spirituelles Wesen, dass eine menschliche Erfahrung macht. Sri Aurobindo sagt, das geschieht zum Zweck der Evolution und weist darauf hin, dass der nächste Entwicklungsschritt auf der Erde eine völlig neue Dimension des Bewusstseins sein wird. Wenn man das Leben aus dieser Perspektive betrachtet, dann ist es ein großes Abenteuer.

In Auroville haben wir die Aufgabe, menschliche Einheit zu erreichen. Für dieses Ziel haben wir viele Möglichkeiten Spiritualität zu leben, aber es gibt kein feststehendes, tägliches Übungsprogramm, was wir absolvieren müssen. Ein starker Aspekt ist Karma-Yoga, der Yoga der Arbeit, mit dem man sich aktiv in die Gemeinschaft einbringt. Man lebt in Auroville mit anderen zusammen und will gemeinsam wachsen. Natürlich ist das nicht immer leicht und man reibt sich auch aneinander, aber da fängt die individuelle spirituelle Arbeit an. Wie weit und wie tief man dabei geht, ist jedem selbst überlassen.

 

7. Hast du spontan ein Erlebnis von einer NEUE WEGE Reise, was dich immer noch berührt oder zum Lachen bringt?

Da gibt es viele, aber eins ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war in einem bekannten Shiva-Tempel in Tamil Nadu. Dort werden mehrmals im Jahr Hochzeitsrituale für die ärmeren Familien durchgeführt, für alle, die sich eine andere Hochzeit nicht leisten können. Es waren mehrere hundert Brautpaare an diesem Tag mit ihren Angehörigen in den Tempel gekommen, ein Meer von Menschen, und eine Hochzeit nach der anderen fand statt. Eine Familie war extrem arm, sie hatte noch nicht einmal Geld, sich für diesen besonderen Tag etwas Neues zum Anziehen zu kaufen und stand in abgetragener Kleidung da. Da hat die Reisegruppe ganz spontan Geld zusammengelegt und es dem Brautpaar überreicht. Die gesamte Familie war überglücklich und warf sich vor jedem einzelnen Reiseteilnehmer auf den Boden, um ihre Dankbarkeit auszudrücken.

 

8. Was möchtest du unseren LeserInnen für ihren Lebensalltag mit auf den Weg geben?

Wenn man das Leben so sieht, dass wir ein spirituelles Wesen sind, das eine menschliche Erfahrung macht, dann ist jeder Tag wie eine Reise. Jeder Tag kann ein Abenteuer sein, dabei ist es egal, wie klein oder gering irgendetwas im Leben ist, denn alles kann sich weiterentwickeln. Jede Erfahrung die wir machen, die wir im Alltag als so normal ansehen, kann eine Faszination werden und ein Antrieb, um weiterzumachen und zu lernen, bewusster im Leben zu stehen. Man kommt vielleicht nicht dahin, wo man gerne sein wollte, weil man sich das ganz anders vorgestellt hat, aber man kommt immer weiter!

 

Fasziniert von Auroville und der Vision der Welt von Morgen? Begleiten Sie Lisa Thole auf einer Reise durch Südindien und lernen Sie selbst das Leben in Auroville kennen. Lassen Sie sich für Ihr Leben zuhause inspirieren!

Die nächste Reise in die Projektstadt Auroville findet vom 23.03.-06.04.2019 statt.

Mehr Informationen und weitere Termine finden Sie hier.

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Keine Kommentare