„Yoga finden wir in jedem Ehestreit, in jedem Teams-Meeting, in jedem Schritt"
Fast 30 Jahre auf der Matte, noch immer keine Spur von Erleuchtungspose: Kristin Rübesamen ist Yoga-Lehrerin und Chefredakteurin bei Yoga Easy und eine der ungewöhnlichsten Stimmen der Szene. Im Interview spricht sie darüber, warum Yoga überall ist, was Retreats so unersetzlich macht und was einen guten Sehnsuchtsort ausmacht. Im Juni unterrichtet sie beim gemeinsamen All-Star-Retreat von Yoga Easy und Neue Wege in Bad Gastein.
Kristin, eine Deiner Thesen lautet: Yoga ist überall. Wo ist es denn jetzt gerade in diesem Moment?
Yoga finden wir in jedem Teams-Meeting, an jedem Küchentisch, in jedem Ehestreit, in jeder Beziehung, die wir führen. In jedem Schritt, den wir gehen. In dem, was wir kaufen oder nicht kaufen. In unserem Schlafverhalten, in unserer Ernährung. Überall.
Inwiefern?
Hören wir beide uns jetzt gerade zu oder nicht? Warte ich, bis du zu Ende gesprochen hast, um dann irgendwas zu erzählen oder sind wir in diesem Teams-Meeting wirklich zu 100 Prozent präsent? Oder bist du eigentlich schon mit den Gedanken im nächsten Call?
Du zählst zu den bekanntesten Yoga-Lehrerinnen Deutschlands. Was zeichnet deinen Stil aus?
Mir ist es wichtig, undogmatisch, fürsorglich, humorvoll zu unterrichten. Und nach fast 30 Jahren immer noch zugewandt. Ich freue mich auf alle Menschen, die ich schon seit Jahren kenne, wie auch alle jene, die ich noch nicht kenne. Yoga zu unterrichten macht mir einfach irre viel Spaß, weil es mit Menschen zu tun hat.
Auf dem Instagram-Profil von Yoga Easy klärst du in einer Reel-Serie über Yoga-Mythen auf: “Yoginis sind Hippies”, “sie brauchen keine Ärztinnen”, “sie sind alle sanft, naiv und verspielt”. Wird Yoga 2026 immer noch falsch verstanden?
Yoga kann man mühelos falsch verstehen. Interessiert man sich für Yoga, sollte man sich fragen, wonach man da eigentlich sucht. Yoga ist das, was du daraus machst. Du kannst aus Yoga eine Sekte machen, eine elitäre Veranstaltung, ein Dogma, eine Ideologie. Du kannst auch sagen: Das ist einfach Gesundheitsprävention. Du kannst es so klein oder so groß machen, wie du willst. Das entscheidet jeder für sich.
Sind die Mythen, die Ihr da aufgreift, denn noch weit verbreitet?
Auf jeden Fall. Aus der derzeitigen gesellschaftlichen Überforderung resultiert generell die Sehnsucht nach Mythen, nach einer einfacheren, schöneren Welt. Davon ist Yoga leider nicht ausgenommen.
Du bist Chefredakteurin bei Yoga Easy. Warum braucht es bei einem Online-Yoga-Anbieter überhaupt eine Chefredaktion?
Das ist aus dem Gefühl heraus entstanden, dass wir einen bestimmten Ton pflegen wollen und auch einen klaren Ansatz verfolgen, jenseits der Mythen. Ich habe diesen Ton mal mit „ruppiger Fürsorglichkeit" beschrieben. Es geht darum, aus diesem weit verbreiteten, etwas schleimigen Yoga-Ton rauszufallen und eine undogmatische, aufgeklärte, moderne Yoga-Philosophie zu prägen.
Ihr plant gerade gemeinsam mit Neue Wege ein Retreat in Bad Gastein. Warum passen Yoga Easy und Neue Wege gut zusammen?
Dieselbe DNA. Sehr hoher Qualitätsanspruch an den Unterricht und an den Ort, aber ohne Ashram-Mief oder Sektenatmosphäre. Das gilt für Yoga Easy wie für Neue Wege. Da stehe ich zu hundert Prozent dahinter.
Du gibst Retreats an den unterschiedlichsten Orten. Inwiefern beeinflusst die Landschaft das Retreat?
Bei Yoga ist die Nagelprobe: Kannst du es überall machen? Aber ich organisiere ja Yoga-Ferien. Also gehe ich an einen Ort, wo mir das leichter fällt, einen Platz, der mich unterstützt. Wo die Menschen, die dort arbeiten, unser Ansinnen unterstützen. Ich mag das Wort Kraftort nicht, aber Sehnsuchtsort finde ich schön. Ein Ort, der einen tröstet und inspiriert zugleich.
Berge oder Meer: Was funktioniert für dich besser?
Beides. Berge erden eher, sie machen demütig und frei zugleich. Und das Meer erinnert mich daran, dass alles ein Prozess ist.
Was ist eigentlich die Magie von Retreats? Warum reicht es nicht, regelmäßig ins Studio zu gehen?
Ein Retreat ist das Beste, was es gibt. Du kannst dich darauf verlassen, dass sich Menschen darum kümmern, dass alles irre schön wird. Und dann gibt es trotzdem noch den Zufall und die Begegnungen. Jede Begegnung ist sinnvoll, denke ich. Das ist auch das, was wir der KI entgegensetzen. Manchmal sitzen die Leute bis in die Puppen am Tisch und unterhalten sich. Dann denke ich: Ich mache hier den formalen Rahmen, unterrichte Yoga, damit sich alle in ihrer Haut wohlfühlen. Aber genauso wichtig wie Yoga sind die Zeiten dazwischen, auch die Mahlzeiten. Dass alle sich am Tisch zusammenfinden und reden.
Wie geht man immer aus einem Retreat raus?
Getröstet. Wir leben im Zeitalter des Individualismus. Uns wird verklickert, jeder müsse es allein schaffen, das ist unser Heldenbegriff. Und der muss sich ändern. Es muss klar sein: Smart und toll sind die Menschen, die nicht davor zurückschrecken, die sich trauen, um Hilfe zu fragen. Oder Unterstützung anzubieten.
Was ist dein All-Time-Favorite-Retreat-Moment?
Das ist immer das Ungeplante, das geschieht. Wenn die Kleider abgelegt werden und alle kreischend in die Ostsee oder einen Bergsee rennen. Wenn einer anfängt zu singen.
Bei unserem gemeinsamen All Star Retreat im Juni Bad Gastein unterrichten fünf Kursleitende, alles Hochkaräter:innen. Was erwartet die Teilnehmenden konkret?
Diese Garde der Lehrer und Lehrerinnen ist ungeheuer engagiert. In Bad Gastein treffen unverwechselbare Charaktere aufeinander, einzigartig in ihrer Erfahrung und in ihrer Didaktik. Was uns alle verbindet, ist das Interesse an jedem einzelnen Teilnehmenden. Im Grunde ist es egal, ob das in Bali oder einer Paketposthalle in Heilbronn stattfindet: Wenn Lehrer und Schüler zusammentreffen und die Matte ausrollen, passiert etwas. Wenn es dann noch an einem schönen Platz passiert, gibt es noch mehr Freude.
zum YogaEasy Allstar Retreat in Bad Gastein
mit Kristin Rübesamen nach Mallorca
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