Reisebericht Spanien: Wenn Stille lauter wirkt als Worte
Ein klassischer Berliner Winter – Grau in Grau, spätestens im Januar hatte ich wieder mal das Gefühl, dass ungeachtet meiner großen Liebe zu dieser Stadt die geographische Lage im Nordosten der Republik einfach fies wird. Ich streckte also die Fühler nach etwas aus, das vielleicht die Option mit sich bringen könnte, mich mit neuer Energie und am besten auch mit Sonne aufzuladen. Wie immer inspizierte ich auch sehr genau die Angebote von NEUE WEGE – das war für mich schon einige Male die Nummer sicher, wenn es um Alleinreisen im yogischen Kontext geht. Ich gebe es zu, Mallorca war bislang eher selten in der Top-Ten meiner absoluten Lieblingsurlaubsorte, aber genau dort sprang mich die Headline des Retreats geradezu an: “Finca Son Mola Vell auf Mallorca – Detox your Mind”.
Oh ja, ein Detox für meinen winterlich negativen Mind, dazu das Zauberwort Mandelbüte, Yoga soft und mir eher unbekanntes Qi Gong – das klang nach der perfekten Mischung. Und das Allerbeste: diese Reise war ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk nur für mich. Was ich im Grunde erst beim zweiten Hinsehen bemerkte, das war die Tatsache, dass mehrere Tage geschwiegen werden sollte.
Okeee, na dann, kann ja auch mal ganz entspannend sein. Also dann wird halt mal geschwiegen, Hauptsache Sonne, Flow und Bewegung. Eine neue Erfahrung für mich, offen bleiben für Unbekanntes. Und damit ich jederzeit ausbüxen kann, wenn mir die schweigende Gruppendynamik dann doch too much wird, habe ich mir schnell noch einen kleinen Fiat gebucht, war also bestens gewappnet.
Angekommen auf der Finca Son Mola Vell
Was soll ich sagen: Ich kam am Nachmittag an und war vom ersten Moment an begeistert von dem Anwesen, eine sehr geschmackvolle Mischung aus mallorquinischem Finca-Stil und asiatischen Details, beides ergänzt sich zudem in diesem wunderschön angelegten, satt grünen Garten perfekt. Neugierig erkundete ich auch gleich mal den großen Yoga-Raum, der den Blick auf den Pool freigab, der wiederum „schaute“ auf eine Ebene, in der ich gleich die ersten blühenden Mandelbäume sehen konnte. Also alles richtig gemacht! Rechts davon gab es ein hölzernes Plateau für die Outdoor-Einheiten, dazu über den gesamten Garten verteilt kleine Rückzugsorte, mal mit Tisch und Stuhl, dann wieder mit einer Liege oder einer Hängematte. Hier lässt sich Schweigen extrem gut aushalten, dachte ich sofort.
War ich bereits von dem Ambiente ziemlich schnell überzeugt, so fegte spätestens Birgit Hegemann, die Yoga- und Qi Gong-Lehrerin des Retreats, am Abend beim „Meet & Greet“ meine letzten Zweifel weg. Schnell wurde mir klar, dass es völlig in Ordnung sein wird, wenn ich mir ein „alles kann & nichts muss“ als mein persönliches „Mantra“ der nächsten 7 Tage gönne.
„Alles kann – nichts muss“
Das angebotene Programm der Woche war gut aufeinander abgestimmt. Morgens starteten wir mit einer 90-Minuten-Einheit, zunächst auf der Matte, danach auf dem Plateau zum Qi Gong, im Anschluss gab es dann ein sehr liebevoll zubereitetes Veggie-Frühstück mit Buffet, aber auch Service an den schön gedeckten Tischen auf der Terrasse.
Wir waren die erste Gruppe von ca. 15 Frauen und sogar einem Mann, die hier die Saison mit dem Finca-Team, Birgit Hegemann und ihrer Tochter Katharina, die Managerin von NEUE WEGE Reisen, eröffnete. Ein kleines, extrem herzliches Team sorgte zudem dafür, dass für alles gesorgt war, selbst „ohne Worte“ ist es immer gelungen, die Wünsche von uns Gästen zu erfüllen. Aber zurück auf die Matte: Ich bin nicht ganz unerfahren im Yoga, zuweilen wahrscheinlich auch ein bisschen anspruchsvoll, mag es zum Beispiel nicht, wenn etwas sehr stereotyp ist, der Non-Stopp-Sonnengruß die gesamte Choreographie dominiert.
Daher habe ich noch heute sehr gut im Gedächtnis, dass Birgit eine wirklich besondere Lehrerin ist, die eine perfekte Mixtur aus Asanas, aber auch anderen Bewegungen und meditativen Angeboten in ihrem Portfolio hat. Dazu hat sie ein so gute Stimme und verwendet intuitiv die richtigen Worte, dass es wirklich möglich ist, sich auf ihre angeleitete Meditation einzulassen und das Außen komplett auszublenden. Immer wieder habe ich einige der Sätze notiert, die mir an keiner Stelle aufgesetzt oder banal erschienen. Birgit lebt und ist das, was sie unterrichtet, eine authentische und intensive Erfahrung.
Neue Erfahrungen
Es gab für mich auch völlig neue Einsprengsel. So der „Energy Shake“ zum Aufwachen am Morgen, mein persönliches Highlight. Qi Gong, glaubte ich, ist wahrscheinlich nicht unbedingt mein Ding, aber von wegen. Es gab am Morgen sehr angenehm fließende und unaufgeregte Übungen, die auch ohne Vorkenntnis beinahe mühelos ausgeführt werden konnten. Am Nachmittag gab es dann die zweite etwas akrobatischere Yoga-Session des Tages, eine gute Mischung aus Anspannung, Konzentration und Entspannung. Und ja, das war ohnehin das Besondere in dieser Woche, der übliche Spruch „ganz bei sich und auf der eigenen Matte zu bleiben“, der musste hier weder morgens noch abends fallen, denn so etwas wie Konkurrenz, weil die eine oder andere schon eine „advanced Yogini“ war, kam zu keiner Zeit auf. Gleichzeitig aber ein sehr schnelles Gruppengefühl, in Windeseile waren am ersten Abend die wesentlichen biografischen Details ausgetauscht, bevor das große Schweigen begann.
Tagsüber, selbst als wir eine Wanderung entlang der wunderschönen Cala Virgili gemeinsam unternommen haben, war die Wortlosigkeit und Stille wirklich angenehm und kontemplativ. Ja, es ist so, dass sich die Schönheit der Umgebung auf diese Art weitaus besser einprägt als im üblichen Modus des pausenlosen „Ist das schön!“-Kommentierens der Landschaft. Nicht mein absolutes Highlight ist sicherlich das „sprachlose, basische Dinner“, aber auch das ist Geschmacksache. Ich zog mich dann relativ schnell zu meinen Büchern zurück, schrieb aber auch die eine oder andere „Tageserkenntnis“ in mein Journal. Die Tatsache, dass in meinem Zimmer das WLAN zu schwach zum Mailen oder Streamen, SMSen oder auf Insta-unterwegs-Sein war – all das war für jemanden wie mich wahrscheinlich genau richtig und führte dazu, dass ich mich von Tag zu Tag wirklich ein wenig mehr „detoxed in mind“ fühlte.
Dazu gab es zahlreiche Angebote, die über Yoga- und Qi Gong hinausgingen, Massagen und Kosmetik, aber auch Ausflüge in die Umgebung. Oder Mantren-Singen am Abend, nicht so ganz meine Abteilung, aber auch das ist ok, denn niemals bekam ich das Gefühl vermittelt, das geht jetzt gar nicht, dass ich mal wieder mein eigenes Ding mache. An den letzten beiden Tagen der Woche wurde auch wieder kommuniziert, aber tatsächlich haben wir zu Beginn des aufgehobenen Schweigens instinktiv nicht jede oberflächliche Info in Worte gefasst und wahrscheinlich mehr als sonst auf unsere Sprache geachtet.
Birgit blieb nach diesen intensiven Tagen auf der Insel weiterhin mit uns in Kontakt, gab Tipps für das Ankommen zu Hause und die Möglichkeit, an Online-Veranstaltungen, die sie anbietet, teilzunehmen. Nun gibt es bereits den Plan, auch im nächsten Jahr wieder zur Mandelblüte und zum Detoxen auf der Finca zusammenzukommen. Ich kann es absolut empfehlen, denn selten habe ich eine so besondere „Laissez-faire-Atmosphäre“ mit der Option, sich mal wieder richtig aufzuladen, wie hier gespürt.
Kommentar schreiben
Kommentare
Keine Kommentare
Sophia Schillik
Sophia Schillik
Sophia Schillik