19.08.2026 NEUE WEGE Yogalehrerin Gaby Kammler

„Für mich steht immer der Mensch im Vordergrund, der zu mir kommt."

Ein Interview mit Yogalehrerin Gaby Kammler


Gaby Kammler hat 20 Jahre in der Schulmedizin gearbeitet, zuletzt im wissenschaftlichen Außendienst in der Onkologie. 2012 warf sie eine eigene Erkrankung aus der Bahn. Yoga half ihr zurück. Im selben Jahr begann sie ihre Ausbildung zur Yogalehrerin.

Heute unterrichtet sie Menschen mit einer Krebserfahrung und gibt ihr Wissen an andere Yogalehrende weiter. Ihr Konzept dafür entstand 2016 aus der Praxis: Sie kennt die Nebenwirkungen von Operation, Bestrahlung und Chemotherapie und weiß, welche Übungen dann helfen und welche schaden.

Im Interview spricht sie über ihren Weg, ihren Unterricht und die Kraft kleiner Übungen.
 

Liebe Gaby, im Jahr 2012 begann Dein Weg als Yogalehrerin. Wie bist Du anfangs zum Yoga gekommen? 

Meine allererste Yogastunde habe ich in einem Urlaub in Spanien erlebt . Das hat mir so gut gefallen, dass ich jeden Morgen wieder zum Yoga gegangen bin, und mir danach zu Hause einen Yoga-Kurs gesucht habe. Die ersten 2-3 Jahre war Yoga für mich allerdings eher nur ein körperliches Training. Dass Yoga viel mehr ist als Asana-Praxis und eine ganzheitliche Gesundheitslehre dahinter steckt, habe ich erst später gelernt.

Wie würdest Du Deinen eigenen Yoga-Weg beschreiben? 

Durch eine eigene gesundheitliche Krise Anfang 2012 begann ich mich intensiver damit zu beschäftigen, was Yoga ist und merkte, dass es weit über die körperlichen Aspekte hinaus geht. Ich wollte selbst etwas tun, um wieder gesund zu werden und hatte das Gefühl, dass Yoga mir dabei helfen könnte. 

Ich habe entdeckt, welche unglaubliche Kraft darin steckt, und aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass Yoga mir geholfen hat, wieder gesund zu werden. Da ich vorher 20 Jahre in der Schulmedizin gearbeitet habe, wollte ich verstehen, wie Yoga wirkt und habe daher meine erste Yogalehrerausbildung gemacht.

Seitdem ging es für mich immer mehr in die Tiefe, ich habe viele zusätzliche Ausbildungen absolviert, sehr viel unterrichtet und ich habe eine intensive eigene tägliche Yoga- und Meditationspraxis. Meine Yogaschüler und -schülerinnen waren oft meine besten Lehrer.

Spannend finde ich dabei, immer wieder die Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu schlagen. Parallel zum Yoga habe ich viel gelernt über Energiearbeit, Hypnosetherapie, Neurowissenschaft und Epigenetik. Es ist faszinierend, wie die moderne Wissenschaft immer mehr belegen kann, was im Yoga schon seit tausenden von Jahren gelehrt wird.

Damit kommt dieses Wissen auch immer mehr in unserer heutigen Zeit an, und auch die moderne Medizin öffnet sich für Yoga.

Du praktizierst Yoga auf Basis der klassischen Hatha-Yoga-Tradition und übst Vinyasa und Yin Yoga. Wie würdest Du Deinen Yoga-Stil und Unterricht beschreiben? 

Für mich steht immer der Mensch im Vordergrund, der zu mir kommt. Ich schaue, wie es ihm geht, was er braucht, und wie ich den Unterricht so gestalten kann, dass es ihm dadurch besser geht. Mein Unterricht ist daher sehr undogmatisch und an keine feste Yoga-Tradition gebunden. Wenn es sinnvoll ist, kann es auch sein, dass wir weniger körperliche Praxis machen, sondern mehr auf der energetischen Ebene arbeiten, z.B. wenn neue Yogaschüler dabei sind, die zunächst mehr innere Kraft benötigen.

Grundsätzlich ist für mich weniger mehr, denn auch mit einer sanften Yoga-Praxis können wir auf allen Ebenen arbeiten und die gewünschte Wirkung erreichen. 

Ebenso liebe ich es, die eigene innere Entwicklung zu begleiten, hin zu einer guten Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, einer liebevollen Selbstfürsorge und einer positiven und mutigen Ausrichtung auf den weiteren Lebensweg.

Du unterrichtest seit vielen Jahren Menschen mit einer Krebserfahrung und bildest Yogalehrerinnen für das Thema Krebs weiter. Inwiefern kann Yoga in dieser besonderen Lebenssituation den Menschen helfen?

Yoga kann zum einen helfen, die typischen Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen einer Krebstherapie zu lindern, wie z.B. das Fatigue-Syndrom oder auch Wechseljahressymptome, die durch Hormontherapien entstehen können. Es reduziert nachgewiesenermaßen Depressionssymptome, Schlafstörungen, erhöht die Lebensqualität und verbessert die Immunfunktion.

Yoga kann auch Ängste lindern und mehr Hoffnung zu Zuversicht schenken, um gut durch die Zeit der Erkrankung zu kommen.

Eine große Rolle spielt Yoga übrigens auch bei den sogenannten ‚Cancer survivors‘. Damit sind die Langzeitüberlebenden gemeint, die ihre Krebserkrankung überstanden haben und schon lange wieder gesund sind. Auch wenn sie aus medizinischer Sicht als geheilt gelten, leiden sie oft aber noch viele Jahre lang unter den Nebenwirkungen der Therapie. Hier kann Yoga besonders gut helfen, sich körperlich und mental besser zu fühlen und die Nebenwirkungen gezielt besser in den Griff zu bekommen.

Was hat Dich dazu bewogen, Dich speziell auf "Yoga und Krebs" zu fokussieren?

Das habe ich zunächst gar nicht bewusst gewählt. Als ich nach meiner eigenen gesundheitlich schwierigen Zeit wieder gesund war, habe ich beschlossen, das Wissen um die Kraft des Yoga weiter zu vertiefen und dieses Geschenk weiterzugeben.

Ich begann erste Yoga-Stunden im Freundeskreis zu geben. Dies wurde schnell mehr, und als ich mehrere Kurse pro Woche angeboten habe, kamen die ersten  Krebspatienten und -patientinnen in meine Stunden. Da ich vorher im wissenschaftlichen Außendienst in der Onkologie gearbeitet hatte, begann ich das Wissen über medizinische Therapien mit meinem Yoga-Wissen zusammen zu bringen. Ich wusste ja genau, was bei Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, etc. gemacht wird und wie die Menschen sich fühlen.

Dann habe ich überlegt, wie Yoga helfen kann und was die SchülerInnen brauchen. Wo kann Yoga weiter machen, wenn es aus medizinischer Sicht vielleicht keine Lösung gibt?

Die Yogastunden, die daraus entstanden sind, haben den SchülerInnen sehr gut geholfen, so dass ich dies immer weiterentwickelt habe, und dann im Jahr 2016 ein ganzes Konzept daraus entstanden ist, das ich nun an andere Yogalehrende weitergebe.

Mit welchen besonderen Herausforderungen sind Krebspatienten und -patientinnen in der Yogapraxis konfrontiert? 

Durch die Therapien und auch die Erkrankung selbst, sind ‚normale‘ Yogastunden in der Regel nicht geeignet.

Viele reguläre Yogaübungen sind nicht machbar oder sie sind aus medizinischer Sicht sogar kontraindiziert und dürfen nicht geübt werden, da sie Schaden anrichten können.

Auch wenn Übungen machbar sind, sind sie oft nicht wohltuend, da die Therapien den Körper verändern, die Wahrnehmung anders ist und auch die psychische Ebene berücksichtigt werden muss. Eine Krebserkrankung ist – wie viele andere Erkrankungen auch – eine lebensverändernde Situation, die auch auf der seelischen Ebene begleitet werden sollte.

Hierfür benötigen Yogalehrende unbedingt mehr Hintergrundwissen, um Stunden richtig anleiten zu können.

Die gute Nachricht ist: viele Nebenwirkungen lassen sich durch Yoga gezielt lindern und Yoga ist ein wundervoller Weg für die SchülerInnen, mit kleinen Übungen den eigenen Genesungsprozess aktiv mitzugestalten, manchmal schon mit nur 5 Minuten am Tag.

Gibt es Yogis, die Dich auf Deinem Weg zum Yoga besonders inspiriert hat? 

Dies war sicherlich mein eigener Ausbilder Chandra Kirn Singh, bei dem ich von Anfang an gelernt habe, den Menschen in den Vordergrund zu stellen und immer zu schauen, was der Yogaschüler braucht – aus körperlicher, energetischer und spiritueller Sicht. 

Und manchmal ist dies nicht das, was der Schüler selbst möchte, z.B. wenn jemand ohnehin schon zu viel Yang-Energie hat, ständig der Sympathikus aktiviert ist, er schnell aus der Haut fährt, Entzündungen hat und dann am liebsten noch in eine fordernde Ashtanga-Stunde oder ins Hot Yoga gehen möchte.

Das ist als Yogalehrerin oft eine Herausforderung, die SchülerInnen dahin zu bringen, sich auf das einzulassen, was ihnen wirklich hilft, und sie ins Spüren zu führen.

Viel gelernt habe ich auch von einem Yogalehrer in Indien, bei dem ich viele Einzelstunden genommen habe, um hilfreiche Meditationen und Aura-Arbeit bei Krebs zu lernen.

Aus Deinen bisherigen Reiseerfahrungen: Was macht Dir am meisten Freude bei der Kombination Yoga zu unterrichten und zu reisen?

Ich liebe es, an kraftvollen Orten zu unterrichten, an denen die Natur uns viel Prana schenkt. Außerdem ist es wundervoll, mit den Reiseteilnehmenden eine intensive Zeit gemeinsam zu verbringen, in der sie Zeit für sich haben, aus dem Alltagsgeschehen heraus sind und ich sie auf eine Reise ins Innere mitnehmen kann.

Wenn wir mehrere Tage intensiv Yoga praktizieren und meditieren, kommen wunderbare Prozesse in Gang und sie können oft neue Chancen und Perspektiven entdecken. Sie entdecken im wahrsten Sinne oft ‚neue Wege‘ und fahren erfüllt und voller Energie wieder nach Hause.

Besonders schön ist auch die Gemeinschaft und Verbindung die entsteht, und es wird auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder Unternehmungen viel gelacht.

Die Berge schenken besonders viel Prana, und ich freue mich, dass wir in Bad Hofgastein einen so schönen Ort für unter Yoga-Retreat zur Verfügung haben.

Gibt es eine Botschaft, die Du den Lesenden unseres Blogs mit auf den Weg geben möchtest?

Jeder kann Yoga! Man muss dafür nichts können und auch nicht schlank oder beweglich sein. Ich möchte jeden ermutigen, Yoga auszuprobieren um zu spüren, wieviel Spaß es macht und welche Kraft darin steckt.

Wichtig ist, ein Yoga-Angebot zu finden, dass einen sanften und leichten Einstieg ermöglicht und bei dem der/die Yogalehrende gut auf die besonderen Bedürfnisse der SchülerInnen eingehen kann.

Ob Lehrer und Schüler zusammen passen, ist auch immer ein sehr persönliches Empfinden. Auch Stimme und Unterrichtsstil müssen passen. Es lohnt sich daher immer, auch unterschiedlich LehrerInnen und Stunden kennen zu lernen.

Ein Yoga-Retreat wie unsere Reise nach Österreich ist eine wundervolle Gelegenheit mit ganz viel Ruhe und Zeit ins Yoga einzutauchen, liebevoll für sich selbst zu sorgen und ganz neue Kraft und Energie zu finden!

 

zum Profil und Reisen von Gaby Kammler

 


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