Die Yogawoche wurde begleitet von den Gedichten und Fragen von Rainer Maria Rilke
17.11.2016 Alexandra Habermaier

Reisebericht: Fragen leben an der Algarve mit Yoga und Rilke


An der Küste der Algarve bereiten einem auch die Kleinigkeiten eine Freude
An der Algarve kann man Möwen beobachten, die sich in der Luft treiben lassen, während das Meer in der Sonne glitzert
Von der Terrasse des Suites Alba Resorts aus hat man einen guten Blick über das Meer und den Sonnenuntergang
Die heimischen Bewohner der Küste beim Suites Alba Resort beobachten ruhig das dortige Geschehen
Der Sonnenuntergang färbt die typischen Felsformationen der Algarve in goldenes Licht

Zu Beginn meiner Yogalehrausbildung fiel mir ein kleines Buch von Rainer Maria Rilke in einem dieser liebevoll gestalteten Einbände der Insel-Bücherei in die Hände. In den „Briefen an einen jungen Dichter“ schreibt Rilke an einen Herrn Kappus „Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ In meinem diesjährigen Yogaretreat an der einzigartigen Algarve im Suites Alba Resort, drängte sich vor allem eine Frage auffällig in den Vordergrund: Wozu? Konkret war es die Frage einer Teilnehmerin, die im rein privaten Gespräch und Kontext im Hinblick auf ein tragisches Ereignis in ihrem Leben auftauchte und sich nach einiger Zeit von einem „Warum?“ in ein Wozu?“ umgewandelt hatte. Weil das „Warum?“ nach der Vergangenheit fragt, die nicht mehr verändert werden kann, das „Wozu?“ aber in die Gegenwart und in die Zukunft gerichtet ist. Dieses „Wozu?“ waberte seitdem wie der sanfte Nebel, der sich eines nachts wie ein Schleier über das Suites Alba Resort gelegt hatte und erst in der Morgendämmerung allmählich auflöste, durch die Yogawoche.

Die Wünsche und Erwartungshaltungen der sechzehn Teilnehmer/-innen waren wie immer sehr unterschiedlich, und am Ende der Woche hat nicht jede und jeder genau das bekommen, was am Anfang gewünscht war, dafür aber vielleicht das eine oder andere, von dem er oder sie vorher nicht wusste, dass es spannend sein könnte. Nach sieben gemeinsamen Tagen konnte die Yogawoche so auf drei wesentliche Fragestellungen heruntergebrochen werden: Wozu dieses Yogaretreat/diese Yogapraxis, an diesem besonderen Ort und mit diesen interessanten Menschen?

Beginnen wir mit der Yogapraxis, während der immer wieder Fragen zur Detailarbeit in den Asanas auftauchten. Wozu mache ich ein bestimmtes Asana? Nehmen wir den „Reverse Warrior“, im Sanskrit „Viparita Virabhadrasana“. Eines der eher neumodischen Asanas, das nicht in einem klassischen Yogalehrbuch zu finden ist, aber eines, das gern praktiziert wird und schon allein durch die zweideutige Bezeichnung interessant ist. Ein Krieger, der umgekehrt oder auch friedvoll ist. Physiologisch eine kraftvolle Standhaltung und Seitdehnung mit Öffnung der Zwischenrippenmuskulatur. Was ist das Besondere? Das Geerdete, Zielgerichtete des Kriegers, kombiniert mit seiner Zurückgenommenheit und Leichtigkeit in der Haltung. Auch wenn das Asana nicht in Patanjalis Yogasutren zu finden ist, greift hier das dort beschriebene Grundprinzip von „abhyasa“ und „vairagya“, von Anstrengung und Loslassen in der freien Übersetzung. Dieses Grundprinzip kann auf jede beliebige Übung übertragen werden und erklärt, wozu ich diese Yogahaltung übe und mal mehr, mal weniger das Prinzip in mir selbst spüre. Denn ich bin ja immer noch in der Frage, weil ich die letzte Antwort nicht kenne. Dafür kenne ich viele Wirkungen, die die Yogahaltung bei regelmäßiger Praxis haben kann: Mehr Beweglichkeit in den Hüften und in den Flanken, Standfestigkeit und eine friedliche, innere Haltung, um nur einige zu nennen. Wozu dienen diese Wirkungen aber? Spätestens jetzt kommen wir aus dem Dunstkreis der Asanas heraus und erkennen, dass die Körperhaltungen ein Baustein auf dem Yogaweg sind. Denn darüber hinaus gibt es ja noch die äußeren Disziplinen (yamas), die inneren Disziplinen (niyamas), die Atemlenkungen (pranayama), das Zurückziehen der Sinne (pratyahara), die Konzentration nach innen (dharana) und die Meditation (dhyana). Alles Bausteine auf dem Weg zu samadhi, der Integration oder auch blumiger der Versenkung und Sammlung. Und samadhi könnte vielleicht die Antwort sein. Und wenn das so ist, leben wir mit unserem So-Sein im Hier und Jetzt vielleicht die Fragen und spüren manchmal in der Haltung und in den Fragen die Möglichkeit einer Antwort. Zumindest in der Tendenz und in der Ausrichtung, die ja auch die Frage „Wozu?“ in sich trägt. Bezogen auf das Loslassen in der Anstrengung, kann ich in einem Asana also einen Zustand spüren, in dem ich nicht mehr hadere, verbessere und unbedingt etwas perfektionieren und durchhalten will, sondern alle Eindrücke und Zustände integriere. Den Körper, den Geist, die Anstrengung, das Loslassen, die Gegensätze, das Erleben.

Womit wir beim zweiten wesentlichen Punkt sind: Wozu Yoga an diesem Ort? Weil die Tage an der Algarve wunderbar warm und die Nächte herrlich kühl sind? Weil sich der wilde Atlantik an den zerklüfteten Steilküsten bricht, um dann etwas gezähmter in die abfallenden, sandigen Buchten zu schwappen? Vielleicht weil die Algarve Gegensätze vereinigt und die Frage „Wozu?“ sich in dieser unverwechselbaren Landschaft selbst beantwortet, ohne jemals beantwortet zu sein. Weil unsere Wahrnehmung individuell ist und die Fülle der Eindrücke uns immer wieder zum Staunen bringt. So wie der faszinierende Blick von den Terrassen des Hotels das scheinbar endlose Meer mit dem Horizont verschmilzen lässt, und so das Gefühl von absichtsloser Schönheit, Weite und Unendlichkeit entstehen kann.

Und wozu sind ausgerechnet diese siebzehn Individuen in diesem Yogaretreat im September des Jahres 2016 zusammen gekommen? Vielleicht, um in einer Woche zu erleben, wie bereichernd und witzig es sein kann, mit neugierigen, Fragen stellenden Menschen, die in ihren Lebensabschnitten und -umständen, ihren Wünschen und Zielen kaum unterschiedlicher hätten sein können, Zeit auf der Yogamatte und darüber hinaus zu verbringen. Dieses Erleben, in dieser außergewöhnlichen Konstellation, hat vielleicht auch deswegen so gut funktioniert, weil alle bereit waren, „die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.“ (Zitate aus: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Leipzig 1929, S.21)

Alexandra Habermaier

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